Azade
— Costume Designer


Azade Asya Çakmak @azadeasyacmk aus Berlin hat nach zahlreichen Jobs in der Film- und Serienproduktion ihre Leidenschaft als Kostümdesignerin gefunden. Sie ist der Meinung, dass das Kostümbild ein ausschlaggebendes Werkzeug für die Darstellung der Figuren nach außen ist. Ihre Arbeit ginge über die Beschaffung von Kleidung hinaus, sie gehöre vielmehr zum Gesamtkunstwerk dazu.

Azade, wo lebst du und wie würdest du Mode in deiner Stadt beschreiben?
    Ich wohne in Berlin, um genau zu sein bin ich in Moabit geboren und in Charlottenburg aufgewachsen. Ich habe einige Zeit, nachdem ich von meinen Eltern weggezogen bin, noch in einer WG im Kiez gewohnt. Und momentan bin ich voll im Umzugsmodus, weil ich in einer Woche in meine ersten eigene Wohnung in Neukölln ziehen werde.
    Ich finde, Berlin kann man als ein „nicht zu erfassendes Spektrum“ beschreiben, wenn es um die Mode geht. Aber ich kann das eigentlich von allen Großstädten behaupten, da Mode nichts anderes bedeutet als Trend-Setzung. Und da wir ja, wie jeder weiß, einfach zugemüllt werden von 1000 gleichlaufenden Trends, ist Mode oder besser gesagt ein „Mode-Stil“ nicht mehr definierbar. Schau dir das 20. Jhd an und gönn dir mal, dass jedes Jahrzehnt einfach eine eigene Modegeschichte hatte, die du definieren kannst und weißt, woher sie kommt.
    Eine komplexe Welt, in der sich jede:r immer wieder neu erfindet und erfinden kann - das ist Berlin für mich. Man kann auch sagen, dass dieser Ort Diversität/Erfindertum und Experimentierfreudigkeit vereint und toleriert. Wenn ich jetzt anfange mit „was die Stadt zu der gemacht hat, die sie heute ist“, dann würde ich hier den Rahmen sprengen (lacht). Aber ich würde da mal ansetzen, was einen großen Teil Berlins eigentlich ausmacht und mit welchem ich auch eine Verbindung habe. Und zwar geht‘s um die Gastarbeiter:innen, die geholfen haben Berlin wieder wirtschaftlich in die Gänge zu bringen. Dazu gehörten unter anderem auch beide meiner Großeltern. Die kamen, glaube ich so in den 60ern/70ern hierher. Die eine Hälfte, Babas Seite, aus Bolu und die andere von Anne aus Sivas. Erstmal ohne Kinder, die haben sie dann nach so ca. 2 Jahren +/- nachgeholt.
    Aber ja, meine Eltern sind dann im Alter von 5 hierhergekommen. Um genau zu sein, nach Moabit und Wedding.
    Diese Bezirke haben aktuell immer noch einen großen prozentualen Anteil an türkisch- und arabisch sprachigen Einwohner:innen. Generation zu Generation, wie ich.
    Aber auch Neukölln und Kreuzberg sind Orte, an denen sich Kulturen wie die türkische wiederfinden und viele mehr, die nicht zu vergessen sind!
    Du kannst nicht sagen, in dem Bezirk leben diese Menschen aus dem und dem Land und in dem anderen diese usw. Und schon gar nicht hier. Es ist einfach so hart Multi-Kulti und genau dieser Aspekt macht die Stadt ja auch zu der, die sie jetzt ist und was viele ja auch so feiern.
    Aber wenn ich jetzt mal über die verschiedenen Kulturen spreche, die einfach an manchen Orten die Mehrheit ausmachen, dann spreche ich hier von Menschen die auch schon Jahrzehnte dort wohnen. Menschen, die sich ihre Heimat neu suchen mussten oder auch suchen wollten.
    Ich beziehe mich hier wieder auf den schon genannten Aspekt der Gastarbeiter:innen aus den verschiedensten Ländern. Sie haben sich ihr neues Zuhause suchen und sich anpassen müssen. Sie prägen das Bild Berlins zu 100%.
    Es ist schon komisch dass auch in einem mal fremd gewesenen Land, Menschen die derselben Kultur angehören, egal ob fremde:r einem das Gefühl von Heimat vermitteln. Ich fühle mich zuhause und obwohl ich die Menschen nicht kenne auf der Straße, sind sie mir komischerweise nicht fremd. Man teilt dieselbe Kultur teilt dieselbe Sprache, die einem manchmal sogar gewisse Vorteile gibt (lacht). Ob aufm Pazar oder Restaurant ist egal, immer direkt ein familiärer Faktor.
    Aber ja, um nochmal auf den Kleidungsstil einzugehen. Wir haben alles hier vorhanden. Die Stadt mischt sich immer und immer mehr. Es kommen mehr und mehr Leute her - ziehen hier hin. Bezirke verändern sich und sind Opfer von krasser Gentrifizierung. Wir haben die zugezogenen Kids, die sich jetzt unter die Neuköllner Annanes du Dedes mischen. Und wir haben eine glitzernde Blase, die nach außen hin kommuniziert wird und innerlich verrottet. Das Wegblasen vom Alten und des sich einkaufendem Neuen, welches sich zu aufdringlich in den Vordergrund pushed.
    Kleider formen Menschen, Kleider machen Menschen zu dem, was sie sind. Menschen reagieren auf Kleidung und zugleich formen sie Neues. Ein ständiges Reagieren, wie es ja mit allem ist. Ich sag‘s dir, komplexes Thema diese Mode.

Wie bist du zu Kostümdesign gekommen?    
         Da steckt wirklich eine interessante Geschichte dahinter. Ich war schon immer ziemlich interessiert an der ganzen Arbeit, die sich so hinter einer Filmproduktion verbirgt. War immer einer der letzten Leute im Kino, die sich den Abspann bis zum Ende angeguckt haben. Hatte immer Bock zu gucken, wer da mitgemacht hat und vor allem, was es überhaupt für Jobs gibt, die dazu beitragen sowas entstehen zu lassen.
    Naja, nach vielem Ausprobieren nach der Schule, habe ich dann, nach einem Festival Praktikum auf der Berlinale, 2017 mein zweites Praktikum in einer Dokumentar- und Filmproduktion in der Redaktionsabteilung angefangen. Ganz schnell gemerkt, dass das so gar nichts für mich ist und direkt weiter geguckt für einen alternativen Praktikumsplatz. Habe dann eins im Produktionsdepartment bei der Netflix-Serie „Dogs Of Berlin“ gefunden und drei Monate lang im Herzen von diesem Projekt gearbeitet. Habe dann auch alle Departments kennengelernt und irgendwann gecheckt, was es so alles an Jobs gibt.
    Die Kostümbildnerin von dieser Serie hatte zur selben Zeit auch eine Praktikantin, die mit mir zeitgleich ihres beendet hatte. Das gab mir dann die Chance, die restliche Zeit im Costumedepartment ein anschließendes Kostümpraktikum zu machen. War einfach geil. Kann dazu nichts mehr sagen. Ich finde die Menschen und die Arbeit und vor allem meine eigene Neugier haben mich dann zum Entschluss geführt, mich für diesen Weg zu entscheiden. Und ich schwöre das hört sich irgendwie so schnulzig an, aber I swear es war wirklich magisch. Ich bin allen Menschen so dankbar für diese Erfahrung damals. War krass prägend.
    Danach habe ich eigentlich direkt angefangen drei Monate in einem Atelier frei zu arbeiten und mein Portfolio zu formen.
    Ging auch gut aus - habe dann direkt nach erster Bewerbung an der Universität der Künste hier in Berlin mein Studium in Kostümbild anfangen können.
    In der Zwischenzeit habe ich viel als Additional Setdresserin in den verschiedensten Projekten, als Cast Setdresserin, aber auch als Kostümbildnerin in Theater- und Filmproduktionen gearbeitet.


Wie gehst du beim Entwerfen eines Kostüms vor?
    Es ist wichtig zwischen der Realität und dem, was man im Studium macht, zu unterscheiden. Im Wintersemester beispielsweise nimmt man sich eine Lektüre vor und bearbeitet die erstmal mit dem gesamten Studiengang. Wir lesen das Stück zusammen und sprechen darüber, machen Figurenanalysen und alles. Nach diesem collectiv reading wirst du in die künstlerische Eigenarbeit überlassen. Und hier entsteht die eigentliche Lesart, die du aber auch schon während des Lesens entwickeltest oder entwickeln kannst. Das Stück dient dir hierbei als Inspirationsquelle, mit dem du dann dein eigenes Konzept formst.
    Im Studium ist es so, dass du im Grunde genommen das ganze Team selbst bist. Du bist Kostümbildnerin, Regisseurin, Dramaturgin, Bühnenbildnerin, Sound Designerin usw. Du musst nicht, aber kannst alles durchdenken und versuchen einen Diskurs mit dir selbst zu führen, was deinen Kopf einfach schon ziemlich überbelasten kann. Aber eine reale Produktion lebt von Teamwork. Sowas wie one woman/men show gibt‘s nicht. Das kann keine einzige Person machen. Und dann hat man halt so seine Krisen, weil eben dieser Austausch nie stattfindet. Du musst dich mit dem ganzen Team austauschen können. Also ja, im Studium ist das sehr unrealistisch, wenn man mal an die realistische Arbeitswelt denkt. Es formt dich und deine Arbeitsweise und macht einen aufmerksam auf Schwächen und Stärken. Das Studium muss dir die Realität des Jobs nicht ständig vorführen, es ist das Ausprobieren und Entfalten und vor allem über den Tellerrand hinausblicken, was ja die eigentliche Intention ist.
    Ich habe schon Kostüme für Kurzfilme oder Theaterstücke entworfen. Da nimmst du dir erstmal den Text vor. Ich vertraue auf meine instinktive Lesart, die hin und wieder mal auch in Frage gestellt wird und man sucht so nach Alternativen. Oft gehe ich allerdings immer wieder zurück auf die ersten Ansätze, die ich entwickelt habe. Kostümbild bedeutet, den Figuren/Charakteren ein Bild nach außen hin zu geben.
    Fragen, die ich mir zu Beginn oft stelle, sind bspw.: „In was für einer Welt sind wir? Wie schaut sie aus? Wie bewegen sich die Figuren in ihr?“ usw.
    Es gibt viele Punkte, in denen du zuerst mit dir selber eine Konversation führst, aber wichtig ist dann anschließend das Miteinander, die Vorstellungen der anderen Künstler:innen im Team.

Folgst du bei deiner Vorgehensweise bestimmten Methoden?
      Ich lese mir die Sache erst mal durch. Dann schaue ich mir die Figuren und die Umgebung, in der sie sich bewegen können, genauer an. Das ist dann eine Art Übersicht von allen main points, die man braucht, wie zum Beispiel Ort, Zeit, Raum und Figurenanzahl usw. Und dann kann man beispielsweise detaillierter auf die Atmosphäre des Stücks eingehen, die du vielleicht mit Sounds, Farben, Formen etc. darstellen kannst. In was für einer Farbe bewegen sich die Figuren? Farben können nämlich extrem viel erzählen: einen Wandel in der Geschichte beispielsweise. Ich mache dann eben so eine Art Szenarium für mich. Ich bin etwas schlecht in Tabellen erstellen (lacht). Ich hasse sowas. Ich sammle eher Sachen wie Bilder, Farben und Kritzeleien. Erstelle mir dann eher Collagen anstatt Tabellen.
    Nach einiger Zeit hat man seine Formsprache gefunden und es wird eigentlich alles immer klarer. Wenn ich zum Beispiel in einem Film mehrere Spieltage habe, schaue ich mir nochmal genauer an, wie ich die Figur an Spieltag eins erzähle. Dann überlege ich mir, wie ich das alles miteinander verbinden kann. Es ist dann wichtig, dass sich ein roter Faden, eine Verbindung wiederfindet. Etwas, das dann immer wieder heraussticht, egal, ob es eine Farbe ist oder eine Form. Aber meine Vorgehensweise ändert sich von Projekt zu Projekt.

Welchen Unterschied gibt es zwischen Kostüm- und Modedesign?    
     Puhh… einen fetten Unterschied auf jeden. Um es vielleicht so rein oberflächlich zu beschreiben, würde ich sagen Kostümbild und Modedesign sind zwei Bereiche, die genau eines teilen und zwar den Aspekt des Designens. Ob es nun das Entwerfen von Charakteren ist oder von Kleidung, die noch keine:n spezielle:n Besitzer:in hat - beide Bereiche werden durch Menschen ausgeübt, die sich als Designer:innen beschreiben können. Hinzu kommen auf jeden ähnliche Vorlieben für Materialität, Schnitte, Modegeschichte und so. Ein Kostümbild ist Teil einer Figur. Dies im Rahmen von einem Schauspiel, Tanz, Oper usw. 
    Modedesign kann auch Figuren erzählen, aber ist nicht speziell ausgerichtet, um Geschichten zu erzählen, welche im Rahmen von darstellenden Künsten performativ umgesetzt werden. Aber natürlich denke ich dann auch so an gewisse Brands, die für ihre Outfitentwürfe auch Charaktere entwerfen und dies dann in einem Fashionfilm in Szene setzen.  Es ist eine heavy Frage auf jeden (lacht).

Was macht deiner Meinung nach eine:n gute:n Kostümbildner:in aus?
    Ein gutes Kostümbild ist, wenn es im Gesamtkonzept aufgeht und es unterstützend wirkt. Und einen gute:n Kostümbildner:in macht der menschlicher Umgang, das eigene Organisieren der Arbeit und des Teams, Kreativität, Freigeist und vieles mehr aus. Aber das kann man auch so nicht pauschalisieren, weil jeder anders tickt und trotzdem geilen Scheiss produziert.
    Man arbeitet sehr nah mit den Schauspieler:innen zusammen. Daher ist eine gute Kommunikation und Menschenkenntnis von Vorteil. Vor allem Sensibilität und Respekt gegenüber den Körpern, mit denen gearbeitet wird.
    Zu dieser Arbeit gehört vielmehr als nur „Kleidung“ zu beschaffen. Es ist Kleidung, - ja, ich weiß, aber es ist keine alltägliche Kleidung, an der du dich mal so bedienst oder sie behandelst, als wäre sie deins. Es gehört zum Gesamtkunstwerk dazu. Daher verdient jedes einzelne „Kostümteil“ - ich betone „Kostüm“ - den Respekt wie eine Arri Cam oder ein Teil ausm Productiondesign. Menschen verwechseln das gerne mal und das auch noch im Team, leider… Soviel zu interdisziplinärem Arbeiten (lacht).

Wie würdest du deinen persönlichen Kleidungsstil beschreiben?
     Sheeeesh, oh man keine Ahnung (lacht). Ich habe keinen spezifischen „Kleidungsstil“, der sich so durchzieht. Er ändert sich immer und ist von Zeit und Gemüt abhängig. Ich würde sagen, ich bin sehr farbenfroh. Ich mag von eng zu baggy bishin und hohe Schuhe. I like em all!
    Was ein gutes Outfit ausmacht ist, wenn du Sachen anziehst, ohne dir zu viel Gedanken drüber zu machen - so geht‘s mir zum Beispiel.
    Ich würde auch sagen, dass ich Muster gern mal chaotisch mische. Ich liebe, hohe Schuhe, Plateau bis hin zu Absatz. Darf aber nicht zu dünn sein, sonst kann ich nicht laufen. Schuhe sind meiner Meinung nach das Herzstück eines Outfits. Sie verändern alles. Deine Proportionen - das Verhältnis zwischen Grund und Körper - ist einfach krass, wie sehr sie Einfluss haben. Probiert aus. Ein Outfit in Kombination mit allen Schuhen die ihr habt.

Hast du eine Stilikone?
    Nicht wirklich. Viele verschiedene Menschen auf jeden, die mich hin und wieder mal inspirieren. Filme regen an und vor allem der Blick in die Vergangenheit - ich spreche vor allem von Viktorianischer Zeit, Osmanischem Reich und natürlich 20. Jhd. Schon krass, dass wir die ganze Zeit ein fettes Archiv von Bildern und Wissen rumtragen und es dann eigentlich immer anwenden - jetzt mal bezogen auf den eigenen Kleidungstil.

Welches Kunstbuch liegt auf deinem Nachttisch?         Ich habe super viele Kostümbücher. Ich hole mir viele Bücher und schaue sie mir dann oft sehr lange nicht an. Ich bin von Natur aus ziemlich ungeduldig. Es muss dann schon meine Aufmerksamkeit erregen.
    Manchmal finde ich es aber so erfrischend, dass ich so viele Bilder analog besitze, nachschauen und mir Inspiration holen kann. Ich finde schon, dass es etwas anderes ist, wenn du sowas in den Händen hast, anstatt im Internet danach zu suchen. Allerdings bin ich auch todes der Fan davon, einfach im Netz unterzutauchen und Bilder zu sammeln.

Was steht für dich als Nächstes an?
    Bin jetzt erstmal in meinem Master, spezialisiert auf Filmkostüm und mache nebenher noch einen deutsch-koreanischen Spielfilm, wo wir jetzt bald auch anfangen zu drehen. Ich sehne mich eigentlich danach, erstmal so richtig in meiner neuen Bude anzukommen, diesen einen Teil des Films zu beenden und das Semester abzuschließen.
    Für danach steht direkt schon ein nächstes Projekt an, welches eine Buchverfilmung sein wird, wo ich als Cast Setdresserin arbeiten werde.
    Danach erstmal bisschen Semesterbreak genießen, vielleicht nach Istanbul. Aber who knows - mal sehen.